Autoren: Felix Diekmann, Tobias Lenschen
Als Hersteller mit Produktvertrieb über Händler ist Ihnen das Thema Klassifikation sicher schon begegnet. Die Entwicklung ist unausweichlich: Der Handel fordert immer stärker Informationen über Produkte (= Produktdaten), die einer Standard-Klassifikation entsprechen.
Dabei trifft der Wunsch des Handels beim Hersteller häufig auf eine Infrastruktur, die den effizienten Umgang mit diesen Wünschen nicht ohne Weiteres möglich macht. Nicht ohne Grund gibt es diverse Tools, um z. B. exportierten Content aus einem Produktinformationsmanagement-System (PIM) nach Klassifikationsregeln nachzuqualifizieren.
Das Problem dabei: Solche Arbeiten sind meist umfangreich und wenig nachhaltig, da sich Sortimente und Inhalte ändern. Es ändern sich auch Klassifikationsversionen und die damit verbundenen Regeln.
Kurzum: Der Hersteller versucht, den Händlerwünschen zu entsprechen, ohne sich dabei selbst die Frage zu stellen, was Klassifikationen auch für ihn leisten können. Ist es nicht sogar möglich, Anforderungen des Handels durch Klassifikationen zukünftig effizienter und flexibler umzusetzen?
Lesen Sie in diesem Artikel:
Was meint Klassifikation in diesem Zusammenhang eigentlich genau?
Mit der Klassifizierung von Produktdaten sind das Analysieren und Einordnen der Daten in einheitliche Gruppen oder Kategorien gemeint. Klassifikationen sind meist technisch und fachlich orientiert und geben strukturell eine klar definierte und eindeutige Einordnung von Produkten vor. Das Ziel ist, gleichartige Produkte zu gruppieren, um diese mit Regeln oder zusätzlichen Informationen belegen zu können.
Ein anschauliches Beispiel für Klassifikationen im Handel sind die sogenannten Warengruppen.
Warengruppen strukturieren das gesamte Sortiment eines Händlers in eine klare Hierarchie, die Produkte nach Kategorien wie Art, Verwendungszweck oder Material gruppiert.
Nehmen wir beispielsweise einen Baumarkt. Hier werden die Artikel meist nach einer dreistufigen Klassifikation organisiert:
- Oberkategorie (z. B. Werkzeuge)
1.2 Unterkategorie (z. B. Handwerkzeuge)
1.2.1 Spezifische Produktgruppe (z. B. Schraubendreher)
Ein Schraubendreher mit einem bestimmten Modell könnte dann die Klassifikation „Werkzeuge → Handwerkzeuge → Schraubendreher“ tragen. Diese Struktur erleichtert es Kunden, schnell das passende Produkt zu finden. Gleichzeitig profitieren Händler, indem sie Lagerbestände, Nachbestellungen und Sortimentsanalysen effizienter verwalten können.
Dem folgendem Beispiel* liegt der Ansatz zugrunde, alle Schraubwerkzeuge in den jeweiligen Ordnern zu sammeln und somit gleichartig zu beschreiben:
Solche Klassifikationen sind nicht nur für das Ladenpersonal entscheidend, sondern auch für die digitale Logistik, insbesondere im Onlinehandel. Hier wird häufig eine weiter verfeinerte Klassifikation verwendet, um detaillierte Filteroptionen anzubieten, wie z. B. „Schraubendreher → Kreuzschlitz → Größe PZ2“. Dadurch können Kunden gezielt nach speziellen Merkmalen suchen und schneller das gewünschte Produkt finden.
Beachtet man diesen Ansatz schon beim Aufbau eines Produktdatenmodells in einem Product Information Management-(PIM-)System für das eigene Portfolio, schafft man bereits hier eine Kompatibilität zu Standard-Klassifikationen. Dies ist zudem ein wichtiges Instrument, um die eigene Datenqualität auf einem hohen Niveau zu gewährleisten.
Was sind die Benefits?
mehr inhaltliche Konsistenz der Produktdaten durch Standardisierung von Beschreibungen (inkl. einheitliche Terminologie und Struktur).
Vereinfachung der Datendistribution an die diversen Empfänger, da die Händler Daten für z. B. Marktplätze leichter aufbereiten und übertragen können. Märkte können einfacher erschlossen oder zugänglich gemacht werden. Die Wettbewerbsfähigkeit sowie die Marktpräsenz steigen.
erleichtertes Finden und Vergleichen von Produkten für Kunden und Geschäftspartner – auch über verschiedene Kunden-Touchpoints hinweg
Steigerung der Effizienz und Planbarkeit der internen Datenpflege durch klare, messbare Pflegevorgaben, die den gezielten Einsatz von Ressourcen ermöglichen
effizientere Realisierungen von Übersetzungen
Unterstützung der Sortimentsorganisation und der selektiven Datenweitergabe; gebildete Gruppen bieten Filteroptionen zur Optimierung des Beschaffungsprozesses.
Was ist eine Standard-Klassifikation und welche relevanten Systeme gibt es?
Standard-Klassifikationen haben das Ziel, den Datenaustausch zwischen verschiedenen Marktteilnehmern wie Herstellern, Händlern, Marktplätzen und Online-Shops zu vereinfachen. Sie können unterschiedlich motiviert sein, z. B. vom Industriekunden, um die Beschaffung zu optimieren, oder auch vom Hersteller und Großhändler, um die Absatzkanäle des Handels besser und effizienter versorgen zu können. Nachfolgend eine Liste der relevantesten Standard-Klassifikationen:
- ECL@SS ist ein branchenübergreifendes Klassifikationssystem. Es wurde seinerzeit von großen Unternehmen wie Siemens, Bosch oder der Lufthansa ins Leben gerufen, um die C-Teile-Beschaffung effizienter zu gestalten und einen technisch unterstützten Zentraleinkauf zu fördern. Dabei geben praktisch die Kunden dem Lieferanten/Händler vor, wie Produkte zu klassifizieren und zu übertragen sind.
- ETIM wurde ursprünglich für die Elektrotechnik entwickelt. Nach der Übernahme von proficl@ss im Jahr 2019 umfasst ETIM auch die Bereiche Heizung, Lüftung und Klima (HVAC), Sanitär, Baustoffe, Schiffbau, Werkzeuge und Baubedarf. Im Gegensatz zu ECL@SS wird die Klassifikation durch Hersteller und Großhandel vorangetrieben. Es gibt Übersetzungsbrücken zu ECL@SS-Versionen, die den Pflegeaufwand für Hersteller reduzieren. ETIM kümmert sich auch seit geraumer Zeit um eine Integration eines BIM-Standards (Building Information Modelling).
- GPC (Global Product Classification) wurde von der GS1 entwickelt und bietet eine einheitliche Struktur zur Beschreibung von Produkten zur Erleichterung des globalen Handels. Mit dem Global Data Synchronisation Network (GDSN) betreibt GS1 auch die größte Plattform, in der Produkte nach GPC oder ETIM klassifiziert sein müssen. Diese Klassifikation hat eine hohe Relevanz und Durchdringung im Konsumgüterbereich.
- UNSPSC (United Nations Standard Products and Services Code) wurde seinerzeit unter Führung des United Nations Development Program (UNDP) ins Leben gerufen und wird mittlerweile auch von der GS1 betreut. Es ist ein globales Klassifikationssystem, das eine einheitliche Struktur zur Beschreibung von nahezu allen Produkten und Dienstleistungen bietet. Er findet häufig in der internationalen Supply Chain Anwendung, um eine standardisierte Einkaufs- und Lieferkette zu gewährleisten.
Neben diesen (gängigsten) Standard-Klassifikationen gibt es im Markt noch zahlreiche weitere. Für alle gilt jedoch: ein gut durchdachtes Datenmodell dient nicht nur der Organisation und Strukturierung von Informationen, sondern schafft auch eine Grundlage für digitale Innovationen, Automatisierung und eine verbesserte Kundenerfahrung.
Wie können sich Unternehmen beim Datenmodell von Produktdaten strategisch aufstellen?
Bei fachlichen Datenmodellen empfiehlt es sich, einen technisch orientierten Ansatz zu wählen. Dies erleichtert die Übertragung auf die gängige Standard-Klassifikation erheblich. In bestimmten Situationen ist die Nutzung einer Standard-Klassifikation als eigenes fachliches Datenmodell sinnvoll.
In den meisten Fällen deckt die Standard-Klassifikation nicht alle Bedürfnisse eines Unternehmens ab und eine eigene „Hausklassifikation“ ist ein sinnvolleres Vorgehen. Hierbei folgt man dem Grundsatz, granularer zu sein als die Standard-Klassifikation, damit ein Transfer einfacher durchführbar ist. Dies ist auch der Grundstein, um auf zukünftige Versionen der Standard-Klassifikation zu reagieren.
Doch was haben Klassifikationen nun mit BIM zu tun?
BIM (Building Information Modelling) ist die Arbeitsmethodik des „Digitales Bauens“. Es ermöglicht bei der Planung, dem Bau und dem Betrieb von Gebäuden die ganzheitliche Betrachtung von Bauprojekten über ihren gesamten Lebenszyklus. So wird ein Bauprojekt inklusive Innenausbau auf dem digitalen Reißbrett geplant, was eine enorme Effizienzsteigerung in der späteren Umsetzung mit sich bringt. Basis dafür sind 3-D-Modelle der verbauten Komponente – von Steckdosen über Rohrleitungen bis hin zu Heizkesseln und Lüftungsanlagen etc.
Für Hersteller mit einem Produktportfolio, das viele Varianten umfasst, kann es eine Mammutaufgabe sein, die Informationen für das Modell zur Verfügung zu stellen, da in der Regel nicht von jeder möglichen Variante auch eine CAD-Zeichnung vorliegt.
Die fehlenden Modelle können auf Basis technischer Merkmale durch eine KI erstellt werden. Hier hilft die Klassifikation, die die perfekte Umgebung bietet, die nötigen Merkmale zu definieren.
Auch Standardklassifikationen wie ETIM haben die Nähe zu den Themen BIM und Klassifikation erkannt und arbeiten bereits an entsprechenden Lösungen (ETIM-BIM).
Die Nutzung von Klassifikationen sollte für die Industrie eher Selbstzweck sein, da dadurch auch große Mehrwerte im eigenen Produktdatenmanagement generiert werden. So müssen Klassifikationen auch nicht mehr länger nur als Handelsanforderungen wahrgenommen werden. Versteifen Unternehmen sich auf das einfache „Erfüllen“ der Anforderungen aus dem Handel, berauben sie sich selbst der vielen Vorteile, die eine ganzheitliche Betrachtung aus Herstellersicht mit sich bringt.