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Der Digitale Produktpass – 4 Perspektiven und eine klare Empfehlung

In unserem ersten Blogbeitrag haben wir den Digitalen Produktpass (DPP) in seinem Ansatz und der zugrunde liegenden Intention vorgestellt (vgl. Richtlinie [EU] 2024/1781).

Zusammengefasst steckt hinter diesem Pass die Idee, ein „Ökosystem“ für Kreislaufwirtschaftsinformationen zu kreieren, welches auch die Anforderungen bezüglich Offenheit und Vernetzung auf der einen Seite, Datenqualität, Verantwortung und Zugriffsberechtigung auf der anderen Seite erfüllt.

Ab 2026 sollen die ersten DPPs – zunächst für Batterien – verpflichtend eingeführt werden. Parallel fördert die EU bereits erste Produktpassansätze für die Bereiche Eisen und Stahl, Aluminium, Textilien wie Kleidung und Schuhwerk, Möbel und Matratzen, Reifen, Waschmittel, Anstrichmittel, Schmierstoffe, Chemikalien und Elektronikgeräte. Diese sollen ab 2027 verpflichtend werden.

Je nachdem, wo dieses Thema im Unternehmen aufkommt bzw. verortet ist, ist die Perspektive (und damit der Umgang) in der Regel eine andere. Doch wie sehen diese Perspektiven aus und wie hängen sie zusammen? Unser Senior Consultant Tobias Lenschen hat sich für Sie einmal die vier verschiedenen Perspektiven angeschaut und eine klare Empfehlung.

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Die rechtliche Notwendigkeit: wie das Thema in der Führungsebene aufkommt

Taucht das Thema DPP im C-Level eines Unternehmens das erste Mal auf, wird es i. d. R. zuerst als gesetzliche Verordnung wahrgenommen. Jede Verordnung birgt das Risiko, bei Zuwiderhandlung potenziell monetären „Schaden“ anzurichten, z. B. durch Abmahnungen oder gar Ausschluss eigener Produkte vom Markt – und genau diese Einstufung als Risiko ist gemeinhin derzeit die gängigste Wahrnehmung. Als Reaktion darauf folgt dann, dieser Verordnung mit minimalem Aufwand zu entsprechen, um solche negativen Auswirkungen zu vermeiden. Hier wird es dann aber aktuell schwierig: Es gibt (noch) keine Best-Practice-Beispiele oder Blaupausen, wie der DPP in den jeweiligen Branchen auszusehen hat.

Neben den Grundideen gibt es maximal Themendefinitionen, die im DPP dargelegt werden sollen – nicht aber genaue Inhalte und die Form, in der diese darzustellen sind (z. B. Merkmale und Merkmalswerte). Auch die Rahmenparameter wie Datenformate, Schnittstellen, Datenaustauschprotokolle, Zugriffsrechte etc. sind noch bis mindestens Dezember 2025 bei den Normungsinstitutionen CEN, CENELEC and ETSI in Arbeit.

Aus der Faktenlage folgt, dass es z. B. derzeit keine Option gibt, das Thema über Outsourcing oder Dienstleister „zu regeln“. Hinzu kommt, dass die Zeit bis 2027 schon jetzt durchaus knapp ist. Da aber weder die Art der Prüfung durch die Behörden noch etwaige Strafen klar sind, wähnt der ein oder andere sich noch auf der „sicheren Seite“ bzw. setzt auf „Abwarten“. In der Regel führt das Thema aber zur internen Weiterleitung an die Produktdatenverantwortlichen mit dem Wunsch, das möglich „schlank zu regeln“.

Die inhaltliche Aufgabe: wie Stammdatenteams das Thema betrachten

Häufig haben die Stammdatenteams das Thema DPP bereits auf dem Schirm, bevor dies aus der Führungsebene an sie herangetragen wird. Aktuell ist der inhaltliche Bedarf des DPP an Produktinformationen für die meisten Branchen noch eher unspezifisch oder lediglich themenorientiert. Am weitesten ist man bei den Batterien (Batteriepass), aber auch hier ist vieles noch nicht konkret oder final. In der Baubranche ist man dagegen bereits weiter: Hier flankiert die Bauprodukteverordnung („CPR“, [EU] 2024/3110 unter Art. 76 Abs. 2a) den DPP. Um diesen aber inhaltlich zu realisieren, besteht die Aufgabe darin, das Zusammenspiel etablierter Klassifikations- und Standardisierungsmodelle wie ETIM, eClass, ISO 23386 (Festlegung, wie Eigenschaften [Properties] maschinenlesbar abzulegen sind), ISO 23387 (Definition von Templates zur Bündelung der Properties), IFC (Industry Foundation Classes) und CPR zu realisieren. Aber auch hier gibt es noch kein Standardvorgehen.

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Ergänzend sollte man wissen, dass die EU-Kommission den europäischen Normungsinstitutionen CEN, CENELEC and ETSI einen Normungsauftrag übergeben hat, um die EU-Standards für den digitalen Produktpass zu entwickeln. Hierfür ist eine Frist bis zum 31. Dezember 2025 vorgesehen. Die Aufgaben sind aber bereits jetzt herausfordernd: Es gilt, Informationen in der Informationswertschöpfungskette zu berücksichtigen und je Produkt aktuell und ausleitungsfähig parat zu haben. Zu nennen sind hier beispielsweise:

  • grundlegende Produktinformationen, wie Produktname, Fabrikat, Modell, technische Merkmale, Fertigungsnummer, Herstellungsort und -datum, Angaben zur Garantie etc.
  • Materialinformationen, wie Herkunft der Rohstoffe und Komponenten, Angaben über Zulieferer, chemische Zusammensetzung, Recyclingfähigkeit verwendeter Stoffe etc.
  • Reparatur-Informationen, wie Angaben zur Reparaturfähigkeit, Details zu notwendigen Reparaturarbeiten (Rückrufe) etc.
  • Angaben zur Nachhaltigkeit, wie CO2-Fußabdruck bei den Herstellungs- und Distributionsprozessen, Recyclinganteil, Recyclingfähigkeit etc.
  • Informationen zum Eigentum, wie Details zu vergangenen Verkäufen und zu aktuellen Besitzern (besonders für langlebige Produkte relevant, die oftmals weiterverkauft werden)

Wer also den Stand der eigenen Produktinformationen bereits in der Vergangenheit als verbesserungswürdig eingestuft hat, wird mit diesen Aufgaben in der vorgegebenen Zeit schlicht überfordert sein. Aber auch Systeme ohne tragfähiges und erweiterbares Datenmodell und inkl. eines Klassifikationsansatzes zur Steuerung neuer Attribute je Produkttyp werden hier an Grenzen stoßen.

Dabei sind nicht allein die Beschaffung, Organisation und Pflege von neuen Informationen eine Aufgabe – auch die geforderte Aktualität und Ausleitungsmöglichkeit über den gesamten Produktlebenszyklus sind eine echte Herausforderung. Dass der Produktdatenentstehungs- und Anreicherungsprozess möglichst abteilungsübergreifend etabliert und effizient (d. h. ohne Daten-Inseln) aufgestellt ist, ist dabei keine Option, sondern „Must-have“.

Anders formuliert: Dieses von der EU gesteckte Ziel wird auch die Unternehmen challengen, die ihre Produktdaten als gut gemanagt wähnen. Stammdatenteams sind sich dessen häufig bewusst und deshalb bereits jetzt die Treiber von korrespondierenden Projekten und Initiativen, da diese eher längerer Natur sind. Diese Einschätzung trifft nicht selten auf abwartende Haltung bei den Entscheidern.

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Die technische Herausforderung: welche Aufgaben die IT sieht

Da der inhaltliche Aspekt am schwersten zu wiegen scheint, verbindet die IT das Thema in vielen Fällen „lediglich“ mit Anforderungen an Systeme (PLM, ERP, PIM etc.) und Architektur in diesem Zusammenhang. In der Tat dürfte diesbezüglich einiges zu reflektieren und ggf. je nach Status zu verbessern sein. Wohl dem, der hier seine Anforderungen kennt und Systeme entsprechend fundiert ausgewählt hat.

Ein wesentlicher Punkt wird aber gern vergessen bzw. unterschätzt: den Kunden den DPP kostenfrei mittels Datenträger (bspw. als QR- oder Barcode oder RFID) im materiellen Produktzusammenhang zur Verfügung zu stellen. Die EU sähe hier gerne einen QR-Code z. B. direkt neben dem CE-Zeichen. Die Aufbringung auf das Produkt dürfte die kleinste Hürde sein – den Link zur Verfügung zu stellen, die größere.

Denn hierbei ist es wichtig zu wissen, dass die DPPs langfristig vorgehalten werden müssen, insbesondere bei langen Produktlebenszyklen und auch über das Produktionsende hinaus. Jeder Mensch mit einer Affinität für Produktdaten kennt die Herausforderung, die URL z. B. eines QR-Codes dauerhaft verfügbar zu machen. Wie oft stößt man aktuell immer noch auf tote Links oder gar auf Dropboxen ohne Inhalt? Wer sich an diesem Punkt darauf verlässt, dass dies z. B. über eine zentrale Behörde nebst Datenbank geregelt wird, irrt.

Hier sind die Unternehmen selbst in der Pflicht, was aber auch zu der Frage führt, wer z. B. den Service übernimmt, wenn die Unternehmen schon nicht mehr am Markt sind? Diese und weitere Fragen werden wahrscheinlich dazu führen, dass hier Unternehmen einen Business-Case als Dienstleister sehen und sich so korrespondierende Ökosysteme bilden. Bis dahin verbleiben die Aufgaben aber beim Hersteller.

Eine „weitere“ EU-Verordnung führt in der Industrie sicherlich zu keinen Jubelstürmen. Diese bedeutet, wie auch der DPP, in erster Linie Arbeit und Aufwand. Den DPP aus Nachhaltigkeitsaspekten zu verargumentieren, ist die Regel, wird dem DPP aber (höchstwahrscheinlich) nicht ganz gerecht. Vielmehr sollte man ihn als das verstehen, was er ist: ein weiterer Touchpoint zu den eigenen Kunden. Richtig angewendet können Unternehmen:

  • für mehr Transparenz sorgen und damit das Vertrauen ihrer Kunden stärken, was wiederum zu einem besseren Markenimage führen und die Kundenloyalität fördern kann
  • gezielt und auf direktem Weg Produktinformationen an die Kunden weitergeben
  • die Rückverfolgbarkeit ihrer Produkte gewährleisten
  • u.a. schnellere Rückrufaktionen möglich machen, wodurch das Risikomanagement verbessert wird

Die „vergessene“ Perspektive: welche unternehmerischen Vorteile da noch drin stecken

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Dies sind aber nur einige naheliegende Effekte. Spannend wird es, wenn man weiterdenkt: Hat jedes Produkt eine eigene Landingpage und vernetzt diese über Cross-Selling-Referenzen mit anderen, dann entsteht ein Produktnetzwerk, das für den Kunden als Informationspunkt einen großen Stellenwert einnehmen könnte, und damit auch für den eigenen Vertrieb.

Die ständige Erreichbarkeit der umfänglichen und aktuellen Produktinformationen könnte ebenso dem angeschlossenen Fachhandel helfen, die immer noch vorherrschenden Datentransfer- und Aktualitätsprobleme am POS der Händler zumindest abzumildern.

Eine Normierung von Datenaustauschformaten und Schnittstellen, an denen die Normungsinstitutionen CEN, CENELEC und ETSI derzeit arbeiten, könnte gar zu einem branchenübergreifenden Weg werden, Produktdaten auszutauschen. Das alles setzt voraus, dass die Rechte-, Sicherheits- und Datenschutzbestimmungen dies möglich machen. In diesem Zusammenhang bilden sich derzeit diverse Interessensgruppen, die den DPP als Chance für eine Abgrenzung zum Wettbewerb sehen und dies proaktiv angehen, ohne auf gesetzliche Pflichten zu warten.

Fazit und eine klare Empfehlung

Jede der vier Perspektiven hat für sich betrachtet Relevanz. Es sind Optionen, wie man in der Folge mit dem DPP umgehen kann. Besonders aber die vierte Perspektive zeigt, wie viel Potenzial in dem Ansatz eigentlich steckt. Die klare Empfehlung ist deshalb, dieses Thema so zu denken, wie es angezeigt ist: ganzheitlich mit allen vier Betrachtungswinkeln und damit auch unternehmensstrategisch.

Die Zeichen stehen klar auf eine Professionalisierung und Intensivierung des eigenen Produkt-Informations-Managements. Ohne klare und effiziente Produktdaten-Prozesse, einem leistungsfähigen Produktdaten-Kommunikationsmodell nebst zugehöriger Systeme in einer abgestimmten Architektur und natürlich dem bereichsübergreifenden Team, das auf dieser „Klaviatur“ spielt, wird man schnell an Grenzen stoßen.

Diese Entwicklung „auszusitzen“, ist vergleichbar mit der Haltung, das Internet nur als temporäre Modeerscheinung wahrzunehmen. Sind Sie als Unternehmen, wie oben beschrieben, aber gut vorbereitet und arbeiten bereits an Ideen zur Umsetzung, dann gehören Sie zu der (noch) kleinen Gruppe derer, die dem Thema gelassen entgegensehen können. Falls Sie aber die Tragfähigkeit Ihrer Prozesse, Systeme, Infrastruktur und Ihres Teams in dem Bereich nicht kennen oder Ihnen hier gar Defizite bekannt sind, gibt es keine Zeit mehr zu verlieren.

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